"Eltern muss man momentan bewundern."

Gudrun Laag, Schulleiterin der Astrid-Lindgren-Förderschule in Lemgo (links), und Lehrerin Ulrike Jungclaussen zeigen die Boxen, in denen sie für die Schüler Lernmaterial zusammengepackt haben. Foto: Lorraine Brinkmann

Der Unterricht von zu Hause ist für viele Familien eine große Belastung. Besucht das Kind eine Förderschule, benötigt es oft auch pflegerische und therapeutische Unterstützung. Einem rollierenden System blicken einige Schulleitungen skeptisch entgegen.

 

„Eltern muss man momentan bewundern“

 

 

 

Kreis Lippe.Die ersten Schulen sind wieder geöffnet, zumindest für diejenigen, die in diesem Schuljahr einen Abschluss machen, alle anderen sollen nach und nach folgen. Wochenlanger Unterricht zu Hause geht damit für viele zu Ende und gleichzeitig die Doppelbelastung, denen Eltern in dieser Zeit ausgesetzt waren.

 

Was ist aber mit Förderschulen? Schüler dieser Klassen benötigen neben dem pädagogischen Angebot oft auch pflegerische und therapeutische Hilfe, die in den Schulen momentan kaum zu leisten ist. Mehr denn je sind hier die Eltern gefordert. Wie gehen Sonderpädagogen und Erziehungsberechtigte in Lippe mit dieser Situation um? Ein Überblick.

 

Eltern im Homeschooling:Jutta Kallenbach ist Mutter des 14-jährigen Felix, der mit dem Down-Syndrom zur Welt kam. Schon seit Wochen unterrichtet sie ihren Sohn zu Hause, seit vergangener Woche per App, in denen die Lehrer ihren Schülern Aufgaben übermitteln und diese kontrollieren können. „Für die Lernzeit müssen wir aber mehrere Anläufe am Tag nehmen, sonst lässt Felix’ Konzentration nach“, sagt Jutta Kallenbach.

 

Anfangs hätte die Schule Aufgaben per E-Mail geschickt. „Wenn dann aber zum Beispiel die Druckerpatrone leer ging, war das ein großes Problem.“ In den vergangenen Wochen sei ihr erst so richtig bewusst geworden, was die Lehrer in den Schulen leisten. „Insbesondere weil Kinder an den Förderschulen viel enger begleitet werden müssen.“ Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus habe sie dennoch, sollten auch die Förderschulen bald wieder regulär öffnen. „Eigentlich hätte ich auch Anspruch auf eine Notbetreuung gehabt, aber Kinder mit Down-Syndrom sind ohnehin mehr gefährdet“, sagt Jutta Kallenbach.

 

Schule am Teutoburger Wald:Lernen mit allen Sinnen lautet das Motto der Schule am Teutoburger Wald in Horn-Bad Meinberg. Lediglich die Notbetreuung erfolgt momentan vor Ort. „Und das dürfen nicht mehr als drei Kinder pro Klasse sein“, erklärt Schulleiter Torgard Engmann. Die pädagogische Arbeit der Schule orientiert sich am Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, Kinder mit Autismus werden unter anderem hier unterrichtet. „Wer in der Lage dazu ist, bekommt derzeit von uns Lernpakete nach Hause geschickt“, erklärt Engmann. Das sei aber freiwillig. Nebenbei bestehe ein enger, regelmäßiger Kontakt zu den Eltern, die für die Unterstützung sehr dankbar seien.

 

„Auf der anderen Seite muss man die Eltern momentan wirklich bewundern für das, was sie leisten“, lobt Engmann. Er wünscht sich, dass der Schulbetrieb entweder ganz oder gar nicht wieder aufgenommen wird. Auch wenn die Schule die Rückkehr der Schüler vor Herausforderungen stellen würde. „Viele Schüler sind nicht in der Lage, die geltenden Hygieneregeln zu verstehen und einzuhalten“, gibt Torgard Engmann zu bedenken.

 

Astrid-Lindgren-Schule:Für Schüler, die nicht mit den klassischen Arbeitsblättern lernen können, hat sich das Team um Schulleiterin Gudrun Laag etwas einfallen lassen. Seit vergangener Woche verschicken die Lehrkräfte Materialboxen an Kinder, die derzeit zu Hause unterrichtet werden. Rund 30 Kisten sind dabei für die erste Tour zusammengekommen. Sie alle beinhalten verschiedene Aufgaben zum Sortieren, Greifen, Auffädeln, Zuordnen oder Stecken und werden wöchentlich ausgetauscht. Der Schwerpunkt der Förderschule in Lemgo liegt ebenfalls in der geistigen Entwicklung.

 

Von einem rollierenden System hält die Schulleiterin ebenfalls wenig, insbesondere deshalb, weil viele der Kinder an einen festen Tagesablauf gewöhnt seien.

 

Fürstin-Pauline-Schule:Vorbereitung ohne Hysterie lautet das Motto von Eckhard Witt, Rektor der Fürstin-Pauline-Schule in Detmold. Derzeit findet nur in der zehnten Klasse regulärer Unterricht statt. Darauf ist die Schule mit Desinfektionsmitteln, Masken und entsprechenden Klassenraumgrößen vorbereitet. „Allerdings nicht darauf, dass von einem auf den anderen Tag alle Schüler wiederkommen“, sagt Witt. „Der Jahrgang zehn ist recht klein, in den anderen Klassen stoßen wir bei der Größe der Räume und der Anzahl der Schüler an Grenzen.

 

Entsprechend seien die Räume umgebaut worden, allerdings nur für ein rollierendes System. „Sonst sind die Abstandsregeln nicht einzuhalten“, erklärt Eckhard Witt. Förderschwerpunkt der Schule ist die emotionale und soziale Entwicklung.

 

Topehlen-Schule:Auf den Ausbau des digitalen Unterrichts setzt Matthias Tiemann, Schulleiter der Topehlen-Schule in Lemgo. Die Förderschule gehört zur Stiftung Eben-Ezer. Durch Videokonferenzen versuche man, mit den Eltern oder Wohngruppen im Kontakt zu bleiben. Außerdem seien Lernpakete verschickt und ausgeteilt worden. Rund 40 Prozent der derzeit 137 Schüler leben in den Wohngruppen der Stiftung. Hier habe man dafür gesorgt, dass in jeder Gruppe mindestens ein Arbeitsplatz für den digitalen Unterricht zur Verfügung steht. „Das Interesse an dieser Form des Lernens ist natürlich unterschiedlich“, hat Matthias Tiemann festgestellt.

 

Grundsätzlich seien alle Schüler motiviert, den Präsenzunterricht zu besuchen. Umso schwieriger sei es, ihnen zu vermitteln, dass das derzeit nicht geht. „Diesen schrittweise wieder aufzunehmen, wird besonders für Schüler schwierig, die beispielsweise Autismus haben. „Denen muss man dann erklären, dass sie einen Tag ihre Mitschüler und Lehrer sehen dürfen, am anderen Tag aber wieder nicht.“

 

LZ online, 11.05.2020